Den Mut nicht verlieren
Wahlen, Kriege, Klimawandel - wie soll man anfangen, über etwas zu sprechen, was so schwer zu fassen ist? Wie, diesen politischen Wandel der uns nicht nur bevorsteht, sondern schon längst in vollem Gange ist, in Worte fassen? Wie kann man mit Kindern darüber reden, was gerade passiert? Politik am Abendbrottisch besprechen – oder das Thema lieber ignorieren, damit es einem nicht die Stimmung mies macht?
Demokratie passiert nicht von allein
Oft stellt sich die Frage, wann ein Kind oder ein Heranwachsender alt genug ist, um zu verstehen was auf politischer Ebene vor sich geht, denn sicherlich sind viele Inhalte sehr komplex – beinahe schon für einen Erwachsenen zu komplex. Aber Demokratie, beziehungsweise demokratisches Verhalten, passiert nicht von allein, sondern muss gelernt werden. Wo, wenn nicht in einem Familiensystem ist der perfekte Ort um damit anzufangen. Kinder sind zwar keine aktiven Wähler und Wählerinnen (und damit auch oft gar nicht Zielgruppe von Wahlprogrammen), aber ihr Wohlergehen, ihre Bedürfnisse und ihre Zukunft sind doch trotzdem maßgeblich entscheidend für den Zustand einer Gesellschaft.
Zusammenleben und Gemeinschaft: In der Familie und in der Politik
Im aktuellen Kinder- und Jugendbericht des Deutschen Jugendinstituts wurde dokumentiert, dass Kinder spätestens in einem Alter von drei Jahren in der Lage sind „praktische Erfahrungen mit demokratischen Prinzipien“ zu machen. Das heißt, sehr früh fangen Kinder an, ein Gefühl für Gerechtigkeit und Fairness zu entwickeln – es entsteht Empathie und Einfühlungsvermögen. Andersrum fangen Kinder auch in diesem Alter schon an, zu lernen was Ausgrenzung, Abwertung oder Macht bedeuten. Mögen einem Kind auch die Auswirkungen oder Zusammenhänge dieser Werte noch fremd sein, so erfährt es doch trotzdem tagtäglich am eigenen Leib wie Zusammenleben und Gemeinschaft funktionieren. Es merkt jeden Tag, ob es ernst genommen, geschätzt und respektiert wird, oder ob es vergessen, ignoriert und übergangen wird.
Es liegt also in unserer Hand als Eltern, unsere Kinder in diesem System zu mündigen, verantwortungsbewussten und demokratiefähigen Menschen heranwachsen zu lassen. Nur so können wir hoffen, dass sie irgendwann stark und mutig genug sind sich für die „richtigen“ Werte einzusetzen.
Aber wie kann man nun mit Kindern darüber sprechen?
Ich denke die „Scham“ über komplizierte Themen zu sprechen ist auf der Elternseite oft größer als aus der Perspektive des Kindes. Kinder stellen oft exakt die Frage, die für sie gerade besonders wichtig ist – und deren Antwort sie aufgrund ihrer eigenen Intuition so eben noch verkraften können. Da liegt die Verantwortung bei den Eltern: einfühlsam und dennoch deutlich zu antworten. Nicht um den heißen Brei herumreden, nichts beschönigen, aber auch nicht Ängste schüren die vorher gar nicht da waren. Wenn das Gespräch gut läuft, dann kann man anhand von positiven Beispielen aus dem eigenen Alltag Mut vermitteln und motivieren. Fragen die dabei jedoch nicht gestellt werden muss man nicht zum Zwecke politischer Bildung besprechen – das würde viele Kinder wahrscheinlich beunruhigen und überfordern. Wichtig ist in jedem Gespräch: Zuversicht und Handlungsfähigkeit (sei sie noch so klein) vermitteln und der Hoffnungslosigkeit keinen Raum geben. Kinder und Heranwachsende profitieren immer von dem Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit – und davon können Eltern bedenkenlos so viel geben wie möglich.
Balanceakt zwischen Ehrlichkeit und Zuversicht
Was Eltern dabei oft vergessen ist die eigene (psychische) Verfassung: denn nur wer selber „sicher steht“ und auf sich achtet, kann dies auch weitergeben und ausstrahlen. Das dies in Zeiten des Wandels schwierig ist, ist keine Frage. Kinder haben oft ein ganz feines Gespür dafür, wie es uns geht und brauchen genau dann unseren Rückhalt. Da bringt es nichts, unseren Kindern in allerbester Absicht etwas vorzumachen, oder eine „Pseudo-Bullerbü-Welt aufzubauen“ schreibt Nora Imlau (Erziehungsexpertin und Autorin). Vielmehr geht es darum, auch unseren eigenen Gefühlen Raum zu geben und Unsicherheiten auszuhalten. So können wir in einem Balanceakt zwischen Ehrlichkeit und Zuversicht schließlich einen Mittelweg finden, der Mut macht und nach vorne führt.